Es ist 3 Uhr morgens, als mein Wecker klingelt. Gegen 3:30 Uhr steige ich in den Bus, der mich gemeinsam mit einigen anderen Sonnenaufgangshungrigen zum Startpunkt auf der Seiser Alm, der Saltnerhütte, auf 1.850 Metern bringen wird.
Als wir gegen 4:15 Uhr zusammen mit unserem Guide Egon, seinem Hund Rocko und ausgerüstet mit Stirnlampen losmarschieren, ist es stockfinster.


Insgesamt liegen etwa 760 Höhenmeter und 4,8 Kilometer bis zum Gipfel vor uns. Es geht fast durchgehend bergauf. Abgesehen von zwei kurzen Trink- und Aus- bzw. Anziehpausen marschieren wir alles in einem zügigen Tempo hoch. Wir wollen schließlich pünktlich zum Sonnenaufgang am Gipfel sein.
Der Schlern ist übrigens ein 2.564 Meter hoher Berg in den Dolomiten.
Meine Vorfreude ist riesig! Wer mich persönlich kennt oder mir schon länger folgt, weiß ja, dass ich ein Faible für Sonnenaufgänge habe.
Zwischendurch bittet uns Egon plötzlich, stehen zu bleiben, unsere Stirnlampen abzudrehen und nach oben zu blicken. Wir blicken in einen wunderbar klaren Sternenhimmel. Es ist unfassbar schön. Leider konnte ich diesen Moment fotografisch nicht festhalten, da meine Handykamera das nicht hergab. Wir genießen jedoch ohnehin nur kurz, „da wir sonst zu sehr auskühlen“, wie Egon richtig bemerkt.
Kurze Zeit später bleiben wir erneut stehen und Egon sagt „Schaut mal“ und zeigt mit dem Finger in die finstre Nacht. Ich spüre beim Anblick des Lichtstreifens am Horizont, wie meine Vorfreude steigt. „Das verspricht ein richtig schöner Sonnenaufgang zu werden“, setzt er dann noch nach.

Ich sehe, wie einige andere den kurzen Stopp dazu nutzen, nochmals eine weitere Schicht Kleidung anzulegen und merke, dass ich – wieder mal – zu wenig Kleidung an- und mithabe und mir bereits jetzt ganz schön frisch ist. (Aus manchen Fehlern lerne ich wohl nie! :D)
Etwa 2 Stunden später erreichen wir das Schlernhaus (2.457 m), das sich kurz unterhalb des Gipfels befindet. Da es wirklich ziemlich kalt ist und wir laut Guide sehr gut in der Zeit liegen, kehren wir zum Aufwärmen kurz ein, ehe es das letzte Stück bis zum Monte Petz bergauf geht.
Auch die Wirtin im Schlernhaus, die währenddessen unser Frühstück vorbereitet, schwärmt uns von dem fantastsichen Sonnenaufgang, der uns gleich erwarten wird, vor.
Ich bin ziemlich aufgeregt und kann es kaum erwarten, der Sonne beim Aufgehen zuzusehen.
Als wir das Schlernhaus für den letzten Anstieg verlassen, dämmert es bereits. Meine Stirnlampe brauche ich daher nun nicht mehr. Es herrscht dichter Nebel. Kurz überkommt mich eine vage Voranhnung, ich weise den Gedanken jedoch sogleich wieder von mir und erinnere mich an Egons zuversichtliche Worte von vor gut einer Stunde.


Am Gipfel des Monte Petz angekommen herrscht immer noch dichter Nebel. Außer uns befinden sich ein paar Burschen, ausgerüstet mit professioneller Kameraausstattung, Drohne und Stativ am Berg.
Hoffnungsvoll blicke ich in den Nebel, in der Erwartung, dieser würde sich jeden Augenblick lichten und den Blick auf die aufsteigende Sonne freigeben.
Ich nutze die Zwischenzeit, um ein Gipfelkreuzfoto zu machen.

Gebannt und voller Hoffnung blicke ich anschließend erneut in den Nebel und warte darauf, dass dieser sich endlich lichtet und die Sonne sich ihren Weg durchbahnt. Es vergehen Minuten. Und es passiert – nichts. Die Nebelschwaden halten sich trotz Wind hartnäckig.
Schon sichtlich nervös blicke ich auf die Uhr. Die Sonne müsste bereits vor 3 Minuten aufgegangen sein. Ich sehe jedoch nur weiß.
Etwas ratlos suche ich die Blicke der anderen, während mir zunehmend kälter wird.
Ich intensiviere meinen Blick und schaue nun etwas fordernder in den Nebel, so, als könnte ich ihm befehlen, endlich zur Seite zu weichen.
Einige Minuten später höre ich Egons Worte: „Ich befürchte, das wird heute leider nichts mehr.“
Wie? Das wird nichts mehr?! Das soll’s jetzt gewesen sein? und DAFÜR bin ich um 3 Uhr aufgestanden? Für ein Nebelfoto??
Da mir aber zugegebenermaßen schon extrem kalt ist und selbst ich langsam einsehen muss, dass es ziemlich aussichtslos – im wahrsten Sinne des Wortes – ist, kehre ich schließlich unverrichteter Dinge gemeinsam mit den anderen zurück ins Schlernhaus, wo uns bereits ein Frühstück erwartet.
Meine Enttäuschung ist unendlich groß. Etwa so, wie wenn du dich als Kind auf Weihnachten freust und dann kein einziges Geschenk unterm Baum für dich liegt.
Egon, unser Guide, zeigt uns außerdem beim Frühstück Fotos von der Sonnenaufgangstour von vor 2 Wochen. Ich kann kaum glauben, dass es sich um denselben Gipfel handeln soll, so unglaublich schön sehen die Fotos aus.
Nach der Stärkung im Schlernhaus treten wir zusammen den Rückweg zur Saltnerhütte an, wo uns der Shuttlebus abholt und zurück ins Tal bringt.

Fazit: Ich habe heute leider kein Sonnenaufgangs-Foto für dich
Warum ich dir diese Story dennoch erzähle? Um für etwas mehr Realität in der Online-Welt zu sorgen. Wir alle erleben hin und wieder Enttäuschungen. Nicht immer läuft alles nach Plan. Wenn man durch Social Media scrollt, entsteht schnell das Gefühl, dass alle anderen immer nur Höhen haben und ein Highlight das nächste jagt, ABER: Das echte Leben ist keine Aneinanderreihung von Highlights, sondern besteht aus Höhen UND Tiefen. Und ich hatte an diesem Tag auf 2.564 Metern Höhe meinen Tiefpunkt. Natürlich habe ich versucht, mich selbst zu coachen und selbstverständlich weiß ich, dass es viel Schlimmeres im Leben gibt (und ich auch schon viel Schlimmeres erlebt habe), aber in diesem Moment war die Enttäuschung nun mal da. Und sie war groß.
Was ich daraus gelernt habe
Es ist schwer, keine Erwartungen zu haben. Noch schwieriger ist es, bei einer gebuchten Sonnenaufgangswanderung keinen Sonnenaufgang zu erwarten. Dennoch hat mir dieses Erlebnis wieder gezeigt, dass es mir nichts bringt, mir zu wünschen, es wäre anders gekommen. Das Einzige, das wirklich hilft, ist Akzeptanz (und diese ist manchmal eben unendlich schwer). Auf der einen Seite die Akzeptanz der Realität, also in diesem Fall, dass es keinen schönen Sonnenaufgang gab und auf der anderen Seite die Akzeptanz meiner Gefühle, in diesem Fall meine große Enttäuschung. „Ich hätte „cooler“ sein sollen, vor allem als Coach, da muss man doch über solch kleine Dinge stehen können!!“ Ja, das war mein Anspruch an mich selbst. Die Realität sah aber anders aus. Ich war nicht cool. Vielleicht beim nächsten Mal.
Und hier noch ein paar Infos, falls du die Tour nachgehen möchtest:
Ich habe diese Tour online über das Tourismusbüro Seiser Alm gebucht und sie hat 55 Euro inkl. Shuttle & Frühstück gekostet. Du kannst die Tour zwar prinzipiell auch alleine machen (der Weg ist gut markiert), allerdings ist die Straße zum Ausgangspunkt (auf der Seiser Alm) nur bis 9 Uhr für Privatautos geöffnet, was eine rechtzeitige Rückfahrt selbst für sehr flotte Geher:innen quasi unmöglich macht. Du könntest alternativ ein Taxi nehmen, was jedoch vermutlich teurer kommt als das Package mit Führung.
Welche Enttäuschungen hast du schon auf Reisen erlebt und wie bist du damit umgegangen bzw. was hast du daraus gelernt? Lass es mich doch gerne in den Kommentaren wissen! Ich bin gespannt!
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Vielen Dank für diesen tollen und ausführlichen Beitrag. Da sind doch aber trotz fehlenden Sonnenaufgang tolle Bilder entstanden 🙂 So ist das leider manchmal im Leben, man kann nicht mit jedem Spot immer Glück haben. Wir sind zb einmal segeln gegangen und es war nicht genug Wind zum segeln – dann sind wir so mit dem Segelboot gefahren und das war auch traumhaft. Man sollte eben immer versuchen das Beste aus jedem Moment und Tag zu machen!
Liebe Grüße aus Tirol, Christin von https://wanderschoen.at
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