Wien: Zu Besuch im Billrothhaus

Im Zuge des Tag des Denkmals, der immer am letzten Sonntag im September stattfindet, öffnen jährlich zahlreiche historische Gebäude ihre Pforten und locken mit kostenlosen Vorträgen, Ausstellungen sowie Führungen. Wir haben die Chance genutzt und erstmals dem Sitz des Vereins Gesellschaft der Ärzte in Wien, dem Billrothhaus, einen Besuch abgestattet. Das heurige Motto lautet „Schätze teilen“. Dies tat der Historiker Dr. Hermann Zeitlhofer in Form eines spannenden Vortrags und einer Führung. Da wir dabei so viele interessante Fakten und Details erfahren haben, möchte ich nachstehend gerne einige mit euch teilen. 

Das Billrothhaus benannt nach dem berühmten deutschen Arzt und ehemaligen Gesellschaftspräsidenten Theodor Billroth, befindet sich im 9. Wiener Gemeindebezirk, unweit der Votivkirche.

Die Votivkirche
Die Votivkirche

Es wurde 1893 von Kaiser Franz Joseph I. eröffnet. Von außen sieht das Billrothhaus zwar sehr unscheinbar aus, im Inneren jedoch entfaltet es seine volle Pracht – angeblich ein typisches Merkmal des Architekten Ludwig Richter, der seinerzeit sehr bekannt war und von dem auch einige andere Bauten in Wien stammen.

Treppenaufgang im Billrothhaus
Treppenaufgang im Billrothhaus
Büste von Theodor Billroth
Büste von Theodor Billroth im Eingangsbereich

Als wir um kurz nach 11 Uhr eintreffen, hat der Vortrag zur Bibliothek zwar schon begonnen, aber wir können noch problemlos in den Saal rein. Ein Mann mittleren Alters berichtet gerade über die Zweite Wiener Medizinische Schule. Leise nehmen wir Platz und lauschen, zusammen mit wenigen anderen Interessenten, seinen Worten. Namen wie Karl Landsteiner, der Entdecker der Blutgruppen, und Carl von Rokitansky fallen.

Die Bibliothek

Nach dem kurzen Abriss über berühmte Wiener Mediziner erhalten wir einen Überblick über die Bestände der Bibliothek. Die Bibliothek ist heute eine der größten privaten (d.h. außeruniversitären) medizinisch-wissenschaftlichen Büchersammlungen der Welt. Aus Platzgründen wurden jedoch etwa 30.000 Monographien ins Josephinum ausgelagert. Alleine die Bände des berühmten Top-Journals „The Lancet“, eine der ältesten medizinischen Fachzeitschriften, die noch heute erscheint, füllen mehrere Regale, die bis zur Decke reichen.

Frauen und die Medizin

Während Namen wie Billroth, Freud und Landsteiner jedem ein Begriff sind, so höre ich heute zum ersten Mal von Rosa Kerschbaumer und Dora Teleky. Rosa Kerschbaumer war Österreichs erste Ärztin und leitete von 1881 bis 1896 die Augenklinik in Salzburg. Dora Teleky wurde 1911 als erstes weibliches Mitglied in die Gesellschaft der Ärzte in Wien aufgenommen. Dies mag zwar spät klingen, man muss jedoch bedenken, dass Frauen in Wien erst ab 1900 Medizin studieren durften.

Zäsur durch den Zweiten Weltkrieg

Der Zweite Weltkrieg bedeutete nicht nur wissenschaftlichen Stillstand, sondern hatte weitreichende Folgen für die Stellung der Wiener Medizin. Bis 1939 ging der Nobelpreis insgesamt vier Mal an Wiener Mediziner (Robert Bárány, Julius Wagner-Jauregg, Karl Landsteiner und Otto Loewi), was die beachtliche Stellung der Wiener Medizin verdeutlicht – zumal der Nobelpreis erst seit 1901 verliehen wird. Leider wurde die herausragende Stellung  der Wiener Medizin dann unwiederbringlich durch die Shoa zerstört und machte, bedingt durch die Emigration vieler Ärzte, die USA zum neuen Zentrum der Wissenschaft.

Da viele der Mitglieder Juden waren dezimierte sich auch die Mitgliederzahl nach dem „Anschluss“ drastisch. Obsolet zu erwähnen, dass der „Verein“ nunmehr in Hand von Nationalsozialisten war.

Aus Angst vor einem Bombenangriff wurden 1944 die Bestände der Bibliothek nach Peigarten  transferiert. Im Zuge dessen gingen leider einige Werke unwiederbringlich verloren.

Nach diesen extrem spannenden Einblicken folgte eine kurze Pause, bis es um 12 Uhr mit einer Führung durch das Haus weiterging. Diese nutzten wir, um ein paar Fotos zu machen. Fotografieren ist hier nämlich ausdrücklich erlaubt. Rauchen und lautes Reden hingegen nicht.

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Große Bibliothek - Galerie
Galerie der Großen Bibliothek

Die Führung wird ebenfalls vom Historiker Dr. Hermann Zeitlhofer, wie der sympathische Vortragende hieß, gemacht. Es haben sich nun deutlich mehr Leute eingefunden. Da viele den Vortrag verpasst haben, wiederholt Zeitlhofer einige Aspekte, was mich jedoch gar nicht stört.

Nach einer kurzen Einführung geht es zunächst in die Große Bibliothek, wo zuvor der Vortrag stattfand, und anschließend in die Kleine Bibliothek. Das Highlight der Führung befindet sich jedoch meines Erachtens im ersten Stock: der Vortragssaal.

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In diesem Saal, der an ein Theater erinnert, wurden viele medizinische Erkenntnisse das erste Mal vorgetragen, darunter die Entdecken der Blutgruppen von Karl Landsteiner.

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In diesem Saal wurden viele medizinische Forschungsergebnisse das erste Mal präsentiert, darunter die Entdeckung der Blutgruppen von Karl Landsteiner. Publiziert wurden seine Ergebnisse 1901 in der Wiener Klinischen Wochenschrift, dem Publikationsorgan der Gesellschaft. 1930 hat Landsteiner für seine Entdeckung dann den Nobelpreis bekommen.

Wiener Klinische Wochenschrift
Die Wiener Klinische Wochenschrift ist seit 1888 das offizielle Publikationsorgan der Gesellschaft der Ärzte in Wien.

Weiter geht es mit interessanten Details zum Bau und zur Architektur des Saals, der noch heute genutzt wird. Er umfasst 296 Sitzplätze – dies entspricht der Anzahl der Mitglieder im Gründungsjahr. Unterhalb der Decke sind die Büsten ehemaliger Präsidenten der Gesellschaft, darunter Franz Wirer, Johann Malfatti und Carl Rokitansky, ausgestellt. In der Mitte thront der Namenspatron des Hauses: Theodor Billroth.

Der Raum verfügt angeblich über eine ausgezeichnete Akustik, was ich nur insofern beurteilen kann, da ich den Vortragenden auch ohne Mikro hervorragend verstehe.

An beiden Seiten des Saals befinden sich auffallend viele Türen. Der Grund dafür: Ärzte sollten, wenn sie zu medizinischen Notfällen ins Krankenhaus gerufen wurden, den Raum schnell verlassen können. Auch ein ungestörter Zugang im Falle von Verspätungen sollte durch die architektonische Besonderheit ermöglicht werden. Im hinteren Bereich gab es bis vor etwa 20 Jahren noch ein Telefon, über das Ärzte während der Veranstaltung zu Notfällen gerufen werden konnten.

Es gäbe natürlich noch viel mehr zu berichten, aber ich denke, das würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Ich kann wirklich nur jedem nahelegen, den Tag des Denkmals zu nutzen und dem Billrothhaus einen Besuch abzustatten. Für Letzteres müsst ihr übrigens nun nicht zwingend ein Jahr warten. Es finden regelmäßig Veranstaltungen statt, darunter die Festveranstaltung am 17. Oktober, bei der es u.a. einen Vortrag zur Baugeschichte geben wird. Eintritt frei!

Infos zum Schluss:

Gesellschaft der Ärzte in Wien – Billrothhaus
Frankgasse 8
1090 Wien
info@billrothhaus.at
www.billrothhaus.at

Erreichbarkeit: U2 (Schottentor), Straßenbahn D, 1, 71 (Schottentor), Linie 5 (Lange Straße), Linie 43, 44 (Landesgerichtsstraße)


verlinkt mit Soulsister meets friends

 

 

 

 

 

 

5 Kommentare zu „Wien: Zu Besuch im Billrothhaus

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