Wien: Hommage an mein neues Lieblingscafé

Abseits der typischen Touristenpfade liegt es unscheinbar in einer Seitengasse. Erst beim Betreten offenbart es seinen Charme und seine Besonderheit. Ein süßlich-wohliger Geruch steigt mir in die Nase. Unwillkürlich löst sich ein „Mmhmm“ von meinen Lippen. Himmlisch, wie das hier duftet. Da werden Kindheitserinnerungen wach – als man sich noch jeden Sonntag bei der Oma auf Kaffee und Kuchen traf. Lang ist’s her …

Aber zurück ins Jahr 2018. Ich befinde mich im vierten Wiener Bezirk, unweit des Naschmarkts, in meinem neuen Lieblingscafé:

Café-Tipp im vierten Bezirk in Wien_Vollpension
Außen unscheinbar, innen WOW

Obwohl es das Café Vollpension bereits seit Juni 2015 gibt, habe ich erst vor Kurzem von seiner Existenz erfahren. Leider ist es inzwischen kein Geheimtipp mehr und hat sich sogar bis nach Wartberg (Oberösterreich) rumgesprochen. Via WhatsApp erreichte mich nämlich folgende Nachricht meiner Mama: „Im vierten Bezirk gibt’s ein tolles Café! Da müss ma unbedingt mal hin!“. Als ich ihr dann offenbarte, dass ich das Lokal bereits kenne, wirkte sie etwas enttäuscht. Schnell setzte ich nach, dass ich trotzdem gerne mit ihr hingehen werde. Es ist ja mein neues Lieblingslokal.

Ein paar Wochen später finden wir uns daher – halb erfroren (Sitchwort: Arktis-Winter in Wien) – in der Vollpension ein. Dem Andrang nach zu urteilen, haben die BetreiberInnen mit ihrem Konzept den Nerv der Zeit getroffen, denn hier ist es immer bummvoll. Man kann zwar reservieren, allerdings wochentags erst ab 4 Personen. Am Wochenende werden zwar bereits Reservierungen ab 2 Personen entgegengenommen, aber nur zum Frühstücken (bis 13:00 Uhr). Wir haben nicht reserviert, was uns fast zum Verhängnis geworden wär, aber dazu später.

Das Konzept ist in seiner Simplizität genial. SeniorInnen erfreuen mit ihren selbstgemachten Mehlspeisen die Kundschaft und verdienen sich so etwas zu ihrer meist knappen Pension dazu. Unterstützt werden sie dabei von jüngerem Personal. Es geht aber nicht nur um eine Einkommensaufbesserung, sondern auch um soziale Inklusion von älteren Menschen, die nicht selten einsam sind. Eigenen Angaben zufolge versteht sich die Vollpension als Generationencafé, mit dem Ziel, Alt und Jung wieder näher zusammenzubringen.

Vollpension Café-Tipp für Wien
Insgesamt 20 SeniorInnen versorgen die Gäste hier mit süßen Köstlichkeiten. © Mark Glassner

Da meine Mama keinerlei Anstalten macht, diesen wunderbaren Ort unverrichteter Dinge wieder zu verlassen, warten wir beim Eingang auf einen freien Tisch. Genau genommen reichen zwei Sitzplätze. Es ist hier nicht unüblich, sich irgendwo dazuzugesellen.

Während meine Mama ihren gewohnten Optimismus versprüht, suche ich im Stillen bereits nach Alternativen. Aber sie sollte recht behalten und wenige Minuten später ergattern wir tatsächlich zwei Plätze.

Hat man erstmal Platz genommen, kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus. Neonbeleuchtete Backöfen, freigelegte Ziegelmauern, Vintage-Möbel und allerlei Deko-Zeug sorgen für ein einzigartiges Flair. So leer wie hier auf dem Bild ist es allerdings nur zur Sperrstunde.

Café-Tipp_Vollpension_Wien
© Mark Glassner
Vollpension_Liebe zum Detail
© Mark Glassner

Ein Blick auf die Speisekarte ist zwar für VegetarierInnen etwas ernüchternd – wie bei da Oma eben -, aber hier geht man ohnehin hauptsächlich wegen der köstlichen Mehlspeisen her. Diese stehen übrigens nicht auf der Karte. Wahrscheinlich, weil diese ständig variieren. Hier wird nämlich laufend frisch gebacken. Deshalb riecht es auch immer so gut. Und was aus ist, ist eben aus.

Café Vollpension_Wien_Selbstbedienung

Es herrscht hier prinzipiell Selbstbedienung – mit der Einschränkung, dass beispielsweise warme Speisen schon serviert werden. Bestellt und bezahlt wird aber alles an der Theke, wo auch das Kuchen- und Tortenangebot präsentiert wird.

Heute gibt’s Orangenkuchen, Schokotorte, Kokoskuchen und Mohntorte. Wer mich kennt, der weiß, dass ich eine Schwäche für Mohn habe.

Mohntorte_Vollpension_Wien
Die Mohntorte in der Vollpension schmeckt wie bei Omi.

Mmhmm, wirklich köstlich. „Und ohne Mehl“, wie man mir erklärt.

Dazu nehme ich einen Kakao. Für die Sojamilch wird übrigens kein Aufpreis verlangt. Sehr sympathisch. Der junge Mann an der Theke fragt, ob ich gerne die Herzchen-Tasse hätte, was ich prompt bejahe.

Café Wien_Vollpension_Herzchentasse

Meine Mama entscheidet sich für den Orangenkuchen (seit wann mag sie eigentlich Orangenkuchen?) und eine Tasse Kräutertee. Der Bio-Kräuter-Tee wird in einer Jumbo-Tasse serviert. Der Kuchen hält nicht nur der harten Kritik meiner Mama stand, sondern überzeugt sie restlos. Nun ist es auch ihr neues Lieblingscafé.

In die Kälte will von uns beiden keine mehr. Da der Tisch allerdings bereits für die nächsten reserviert ist, heißt es Abschied nehmen.

Als wir das Café verlassen, erhaschen wir einen Blick auf die neuen Kreationen. Mmhm, himmlisch, wie das duftet. Es ist wirlich wie damals, bei der Oma. „Aber nächstes Mal reservierst, gell?“, reißt mich meine Mama aus meinen Gedanken. Wenn’s um Kuchen und Kaffee geht, versteht sie eben keinen Spaß.

Gratis-Tipp zum Schluss: Sonntags lässt sich ein Besuch mit einer anschließenden Tatort-Folge im benachbarten Kino Schikaneder verbinden. Der Eintritt dort ist frei.

Fazit:

Gemütliches Ambiente, freundliche Bedienung, bequemes Interieur, köstliche Kuchen und Torten – was will man mehr? Shabby-Chic-Fans werden sich hier wohl fühlen. Für mich ist die Vollpension das derzeit beste Café, das Wien zu bieten hat.

Bewertung:

Sauberkeit: ☕☕☕☕
Ambiente: ☕☕☕☕☕
Preis/Leistung: ☕☕☕☕
Lage: ☕☕☕☕
Angebot: ☕☕☕☕
Service:  ☕☕☕☕☕

Alle Infos auf einen Blick:

Bargeldlos zahlen: nicht möglich; nur Bares ist hier Wahres
Öffnungszeiten: Montag bis Samstag von 9:00 bis 22:00 Uhr, Sonntag von 9:00 bis 20:00 Uhr
Erreichbarkeit: U1/U2/U4 (bis Karlsplatz) und ca. 10 Minuten Fußweg oder 59A (bis Schleifmühlgasse) oder U4 (bis Kettenbrückengasse) und ca. 10 Minuten Fußweg
Adresse: Schleifmühlgasse 16, 1040 Wien
Web: www.vollpension.wien
E-Mail: info@vollpension.wien

Copyright des Beitragsbildes: Mark Glassner


Dieser Beitrag hat an der Blogparade #sonntagsglück von Soulsister meets friends teilgenommen. 

19 Kommentare zu „Wien: Hommage an mein neues Lieblingscafé

  1. Liebe Julie, ich habe dich eben via #sonntagsglück entdeckt und will jetzt sofort nach Wien! …oder warte, dazu müßte ich mich aus meinem Lieblingssonntagssessel erheben und was Anständiges anziehen (von einer Flugbuchung ganz abgesehen). Na, dann lese ich einfach hier bei dir noch ein Weilchen. Denn: Schön hast du es hier!
    Herzliche Sonntagsgrüße
    Simone

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Simone,
      vielen lieben Dank für deinen netten Kommentar! Habe mich sehr gefreut und musste beim Lesen echt schmunzeln. Danke dafür!
      Ja, Wien ist wirklich wunderschön. Ich liebe diese Stadt auch sehr. ❤
      Herzliche Grüße zurück
      Julie

      Gefällt mir

  2. Danke für den tollen Bericht .
    Ich bin schon sehr lange am Überlegen dort mal hin zu gehen, jetzt wird es definitiv was damit.
    ist ja eine Schande, wenn man als wienerin noch nie dort war. 🙂
    Sehr schöne Fotos !!

    Liebe Grüße, Peggy

    Gefällt 1 Person

  3. Wow! Was für eine stilvolle Einrichtung hat das Café denn bitteschön?! Ist ja der Wahnsinn! Ich würde ehrlich gesagt alleine deshalb schon mal vorbei schauen, wenn ich in Wien wohnen würde. 🙂
    Deine Fotos und der Bericht gefallen mir sehr gut, liest sich klasse!

    Liebe Grüße aus Berlin. ♥

    XX,
    http://www.ChristinaKey.com

    Gefällt 1 Person

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